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Sahel (Mali, Burkina Faso, Niger): Völker, Geschichte, wer kämpft und warum
Aktualisiert am 22. Oktober 2026
Die Nachrichten aus dem Sahel sprechen von Juntas, Dschihadisten, Wagner und dem Africa Corps, von Kidal und von Blockaden rund um Bamako, erklären aber selten, wer die beteiligten Völker sind, warum drei Länder Frankreich und die UNO hinausgeworfen haben und warum der Krieg sich ausgeweitet hat, statt zu enden. Dieses Profil behandelt Mali, Burkina Faso und Niger gemeinsam, den „zentralen Sahel“: drei Länder mit derselben Kolonialgeschichte, regiert von miteinander verbündeten Militärjuntas, die dieselben bewaffneten Gruppen bekämpfen, über Grenzen hinweg, die diese Gruppen ignorieren. Der Eintrag wird fortgeschrieben: Jede Änderung wird unten mit Datum und Quelle festgehalten.
Kurz gefasst
- Mali, Burkina Faso und Niger haben zusammen rund 79 Millionen Einwohner. Es sind Binnenländer, großenteils Wüste oder Halbwüste, mit Dutzenden Völkern: Die größten sind die Bambara und die anderen Mande in Mali, die Mossi in Burkina Faso und die Hausa in Niger. Fulani (Peul) und Tuareg leben in allen drei Ländern.
- Sie waren französische Kolonien und wurden 1960 unabhängig. Seit 2012, mit dem Aufstand der Tuareg und dem Vormarsch dschihadistischer Gruppen im Norden Malis, hat sich der Krieg auf die ganze Region ausgedehnt.
- Zwischen 2020 und 2023 hat das Militär in allen drei Ländern die Macht übernommen. Die Juntas haben die französischen Truppen und die UN-Mission hinausgeworfen, sich Russland zugewandt, die Wirtschaftsgemeinschaft der westafrikanischen Staaten verlassen und die Parteien aufgelöst.
- Die Region ist das weltweite Zentrum des dschihadistischen Terrorismus: Burkina Faso ist das am stärksten betroffene Land der Welt. Aber auch den Armeen und ihren Verbündeten werden Massaker an Zivilisten vorgeworfen, etwa in Moura in Mali 2022 (laut UNO mehr als 500 Tote).
- 2026 hat sich der Krieg verschärft: Am 25. April griffen die Dschihadisten der JNIM und die Tuareg-Rebellen der FLA gemeinsam Bamako, Kati und den Norden Malis an und töteten den Verteidigungsminister; die FLA hielt Kidal bis zum 6. Oktober.
Land und Völker
Der Sahel ist der halbtrockene Gürtel südlich der Sahara, der Afrika von West nach Ost durchquert. Mali, Burkina Faso und Niger haben keinen Zugang zum Meer. Der Norden Malis und Nigers ist Wüste; der Süden ist Savanne, wo die meisten Menschen leben. Der Niger-Fluss durchquert Mali und Niger und fließt an Bamako, Timbuktu, Gao und Niamey vorbei. Das Herz des Krieges ist Liptako-Gourma, das Grenzgebiet der drei Länder (CFR).
Die Bevölkerung. Nach Schätzungen der UNO (World Population Prospects 2024, wiedergegeben von Worldometer) hat Niger 2026 rund 28,8 Millionen Einwohner, Mali 25,9 Millionen und Burkina Faso 24,6 Millionen.
Ein Hinweis zu den Zahlen. Keines der drei Länder veröffentlicht aktuelle und verlässliche Daten zu den ethnischen Gruppen. Die folgenden Prozentsätze stammen aus verschiedenen Schätzungen verschiedener Jahre und sind als Größenordnungen zu lesen; für viele kleine Völker gibt es keine verlässliche Zahl, und wir sagen das.
Mali (Schätzungen nach Minority Rights Group, MRG):
- Bambara, Malinke und die anderen Mande — fast die Hälfte der Bevölkerung. Bambara wird von rund 80 % der Malier als gemeinsame Verkehrssprache gesprochen (MRG, a. a. O.).
- Fulani (Peul) — 14,7 %. Hirten und Viehzüchter. Im Zentrum Malis wurden sie pauschal beschuldigt, die Dschihadisten zu unterstützen, und von Milizen anderer Völker angegriffen: Im März 2019 wurden im Dorf Ogossagou rund 160 Fulani getötet (MRG, a. a. O.).
- Senufo — 10,5 % (MRG, a. a. O.).
- Dogon — 8,9 %. Sie leben im Zentrum des Landes, wo Dogon-Milizen und bewaffnete Fulani-Gruppen gegeneinander kämpfen; 2020 tötete die Gewalt im Zentrum Malis mindestens 400 Menschen (MRG, a. a. O.).
- Tuareg — 7,7 %. Ein Berbervolk der Sahara im Norden, das Tamascheq spricht. Seit den 1990er-Jahren fordern Tuareg-Bewegungen die Unabhängigkeit oder Autonomie von „Azawad“, dem Norden des Landes (MRG, a. a. O.).
- Bozo — 2,9 %; Songhai — 1,6 % (MRG, a. a. O.).
Burkina Faso (Schätzungen von 2021 nach EBSCO):
- Mossi — 53,7 %. Das größte Volk, auf dem zentralen Hochplateau um Ouagadougou. Ihre Wurzeln reichen ins 10. Jahrhundert zurück, und vor der Ankunft der Franzosen waren sie die unangefochtenen Herrscher der Region (EBSCO, a. a. O.).
- Fulani (Peul) — 7,8 %. Sie leben vor allem im Norden und Osten, den vom Krieg am stärksten betroffenen Gebieten. Zusammen mit den Tuareg wurden sie an den Rand gedrängt, als die Mossi den Staat zu beherrschen begannen (MRG); heute sind sie die Hauptopfer der Vergeltungsaktionen von Armee und Milizen, etwa in Solenzo 2025 (siehe unten).
- Gurunsi 5,9 %, Dioula 5,7 %, Gurma 5,2 %, Bobo 3,4 %, Bissa 3,3 %, Senufo 2,2 %, Lobi 1,5 % (EBSCO, a. a. O.). Für die übrigen Völker gibt es keine verlässlichen Zahlen (MRG, a. a. O.).
Niger (Schätzungen nach MRG, auf Basis von Daten aus dem Jahr 2006):
- Hausa — 53,1 %. Sie leben im Süden, entlang der Grenze zu Nigeria.
- Zarma-Songhai — 21,2 %. Sie leben im Westen, rund um Niamey.
- Tuareg — rund 11 % (andere Schätzungen nennen 8,3 %). Im Wüstennorden, wo die Uranminen liegen. Sie erhoben sich 1990 und erneut 2007–2009 mit der Bewegung der Nigrer für Gerechtigkeit, die auch einen Anteil an den Uraneinnahmen forderte (MRG, a. a. O.).
- Fulani (Peul) — 6,5 %; Kanuri — 5,9 % (MRG, a. a. O.).
- In Niger gibt es noch abstammungsbasierte Sklaverei, die vor allem Menschen sklavischer Herkunft in Tuareg-, arabischen und Fulani-Gemeinschaften trifft: Erst seit 2003 ist sie eine Straftat (MRG, a. a. O.).
Religion: Die große Mehrheit ist muslimisch: rund 95 % in Mali (MRG, a. a. O.), 98 % in Niger (MRG, a. a. O.), 64 % in Burkina Faso, wo die Katholiken 20 % und die Protestanten 6 % ausmachen (EBSCO, a. a. O.). In einer fast vollständig muslimischen Region sind auch die Opfer der Dschihadisten ganz überwiegend Muslime.
Ressourcen und Wirtschaft: Ackerbau und Viehzucht, Gold, Uran. Mali war 2023 der zweitgrößte Goldproduzent Afrikas: Gold macht rund drei Viertel der Exporte und ein Viertel der Staatseinnahmen aus (The East African). In Burkina Faso macht die Industrie, vor allem Bergbau und vor allem Gold, rund 30 % des Bruttoinlandsprodukts aus (EBSCO, a. a. O.). Niger hat Uran: Die Mine Somair, zu 63 % in französischem Besitz, wurde von der Junta übernommen (The East African, a. a. O.), im Juni 2025 (unsere Analyse). Die Gebiete des handwerklichen Goldabbaus sind auch eine Einnahmequelle für die bewaffneten Gruppen (Anadolu).
Kurze Geschichte
Die Großreiche. Über Jahrhunderte war der Sahel die Region des Handels durch die Sahara, mit Gold und Salz. Im 15. und 16. Jahrhundert blühte hier das Songhai-Reich, einer der großen Handelsstaaten Westafrikas, mit Zentrum am mittleren Niger im heutigen Mali und Ausdehnung bis in das heutige Niger und nach Nigeria (Britannica). Weiter südlich, auf dem Hochplateau des heutigen Burkina Faso, blieben die Mossi-Königreiche bis zur Ankunft der Franzosen unabhängig (EBSCO, a. a. O.).
Die französische Kolonie (1895–1960). Ende des 19. Jahrhunderts eroberte Frankreich die Region und gliederte sie in Französisch-Westafrika ein, den Kolonialverbund, der von 1895 bis 1958 bestand. Das heutige Mali hieß damals Französisch-Sudan; Obervolta, das spätere Burkina Faso, entstand 1909 als Kolonie, wurde 1932 unter den Nachbarkolonien aufgeteilt und 1947 wiederhergestellt (Britannica). 1960 wurden die drei Länder unabhängig (ebd.).
Von der Unabhängigkeit bis 2012. Die drei Länder durchliefen Einparteiensysteme, Militärregime und demokratische Öffnungen. In Burkina Faso übernahm 1983 Hauptmann Thomas Sankara die Macht und benannte das Land 1984 in „Burkina Faso“ um, „Land der aufrechten Menschen“; 1987 wurde er ermordet, und sein Stellvertreter Blaise Compaoré, „eng verwickelt“, übernahm die Macht (MRG). Compaoré regierte siebenundzwanzig Jahre, bis zu den Protesten im Oktober 2014 (EBSCO, a. a. O.). In Mali und Niger erhoben sich die Tuareg mehrmals, in den 1990er-Jahren und im folgenden Jahrzehnt (MRG, a. a. O.).
Der Krieg in Mali (seit 2012). 2011 verbreitete der Zusammenbruch des libyschen Staates Waffen und Kämpfer in der ganzen Region. 2012 erhob sich die Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad (MNLA) im Norden Malis; ein Putsch stürzte die Regierung in Bamako; die dschihadistischen Gruppen drängten die Tuareg beiseite und übernahmen die Kontrolle über den Norden (CFR). Insgesamt kontrollierten die Rebellen zeitweise rund zwei Drittel des Landes (MRG, a. a. O.). 2013 griff Frankreich mit der Operation Serval ein, später Barkhane, mit bis zu rund 5.100 Soldaten; die UNO entsandte die Friedensmission MINUSMA (CFR, a. a. O.). 2015 versprach das Abkommen von Algier zwischen der Regierung und den bewaffneten Gruppen des Nordens lokale Autonomie und die Eingliederung der Kämpfer in die Armee (Africanews), schloss aber die dschihadistischen Gruppen aus (CFR, a. a. O.). 2017 schlossen sich die wichtigsten mit al-Qaida verbundenen Gruppen zur JNIM zusammen (Anadolu); der Islamische Staat hat einen eigenen Ableger in der Region (CFR, a. a. O.). Der Krieg griff auf Burkina Faso und Niger über und vermischte sich mit Konflikten zwischen Gemeinschaften, etwa zwischen Fulani und Dogon im Zentrum Malis (MRG, a. a. O.).
Die Putsche (2020–2023). In Mali übernahm das Militär 2020 und erneut 2021 die Macht; in Burkina Faso zweimal 2022, im Januar und im September, als Hauptmann Ibrahim Traoré an die Macht kam (EBSCO, a. a. O.); in Niger stürzte das Militär am 26. Juli 2023 den gewählten Präsidenten Mohamed Bazoum (CFR, a. a. O.). Die Juntas brachen mit Frankreich, das seine Truppen abzog; im Juni 2023 verlangte Mali den Abzug der MINUSMA (CFR, a. a. O.). Ab Ende 2021 kamen die russischen Söldner der Gruppe Wagner nach Mali (Arab News). Am 16. September 2023 unterzeichneten die drei Länder einen Beistandspakt, die Allianz der Sahelstaaten (AES), und im Januar 2025 verließen sie die Wirtschaftsgemeinschaft der westafrikanischen Staaten (ECOWAS) (CFR, a. a. O.).
Mali ohne Abkommen (2023–2025). Im November 2023 eroberten die malische Armee und Wagner Kidal zurück, die Hochburg der Tuareg-Rebellen (ACAPS). Am 25. Januar 2024 erklärte die Junta das „sofortige“ Ende des Abkommens von Algier und warf Algerien vor, Gruppen zu beherbergen, die sie „Terroristen“ nennt (Africanews). Im Juni 2025 verließ Wagner Mali; an seiner Stelle blieb das Africa Corps, die paramilitärische Truppe unter direktem Kommando des russischen Verteidigungsministeriums (Arab News, a. a. O.). Seit September 2025 blockiert die JNIM die Straßen rund um Bamako und hat damit eine Treibstoffkrise im ganzen Land ausgelöst (Anadolu).
Die Offensive von 2026. Am 25. und 26. April 2026 griffen die JNIM und die Befreiungsfront des Azawad (FLA), die separatistische Tuareg-Bewegung, gemeinsam Bamako und Kati, Gao, Sévaré, Mopti, Bourem und Kidal an. Verteidigungsminister Sadio Camara wurde in Kati getötet; am 26. April verkündete die FLA, Kidal eingenommen zu haben, während Armee und Africa Corps sich zurückzogen; am 29. April kündigte die JNIM eine neue Blockade rund um Bamako an (ACAPS). Am 6. Oktober rückten die malische Armee und das Africa Corps kampflos wieder in Kidal ein; die FLA sprach von einem „kontrollierten Rückzug“ (The Sahel Brief). Am 18. Oktober 2026 tötete ein Angriff, den örtliche Vertreter dem Islamischen Staat zuschrieben, mindestens 40 Menschen in einem Dorf der Region Ménaka (CFR, a. a. O.). In Burkina Faso forderte im Februar 2026 eine Serie von JNIM-Angriffen im Norden und Osten binnen weniger Tage mehr als 130 Tote unter Soldaten, Hilfskräften und Kämpfern (Arab News). In Niger griff der Islamische Staat am 29. Januar 2026 den Flughafen von Niamey mit Drohnen an (ADF).
Wer regiert und wie
Alle drei Länder werden von Militärjuntas regiert, die die Wahlen verschoben und die Parteien aufgelöst haben. Das schwedische Institut V-Dem stuft alle drei in seinem Bericht 2026 als „geschlossene Autokratien“ ein, also als Länder, in denen keine Mehrparteienwahlen für den Regierungschef stattfinden (V-Dem). Was eine Autokratie von einer Demokratie unterscheidet, erklären wir im Eintrag Autokratie.
- Mali. General Assimi Goïta ist seit den Putschen von 2020 und 2021 an der Macht. Im Mai 2025 löste die Junta alle Parteien auf und verbot Versammlungen; im Juli 2025 gab ihm das Übergangsparlament ein fünfjähriges Mandat, verlängerbar „so oft wie nötig“, ohne Wahlen (Al Jazeera).
- Burkina Faso. Hauptmann Ibrahim Traoré regiert seit September 2022. Im Mai 2024 wurde die Übergangszeit ab Juli 2024 um 60 Monate verlängert, und Traoré darf bei künftigen Wahlen kandidieren (Al Jazeera). Im Februar 2026 löste die Junta alle Parteien auf (unsere Analyse).
- Niger. General Abdourahamane Tiani (Tchiani) wurde am 26. März 2025 als Übergangspräsident vereidigt, für fünf „flexible“ Jahre, die je nach Sicherheitslage verlängert werden können; die Junta löste alle Parteien auf; der frühere Präsident Bazoum ist weiterhin inhaftiert (IDEA). Im Dezember 2025 verfügte die Junta die „Generalmobilmachung“, mit weitreichenden Befugnissen, Menschen und Güter zu requirieren (ADF).
Wer ist wer
| Wer | Angeführt von | Position |
|---|---|---|
| Junta in Mali | Gen. Assimi Goïta | Seit 2020–2021 an der Macht. Hat Frankreich und die UNO hinausgeworfen, das Abkommen von Algier beendet, Wagner und dann das Africa Corps geholt. Stellt ihre Politik als Rückgewinnung der Souveränität dar (unsere Analyse) |
| Junta in Burkina Faso | Hptm. Ibrahim Traoré | Seit 2022 an der Macht. Stützt sich auf die Freiwilligen für die Verteidigung des Vaterlandes (VDP), vom Staat bewaffnete zivile Milizionäre (unsere Analyse) |
| Junta in Niger | Gen. Abdourahamane Tiani | Seit 2023 an der Macht. Hat Franzosen und Amerikaner hinausgeworfen, sich Russland zugewandt und hält an der Zusammenarbeit mit Italien fest (unsere Analyse) |
| Allianz der Sahelstaaten (AES) | Die drei Juntachefs | Beistandspakt vom 16. September 2023; die drei Länder verließen die ECOWAS im Januar 2025 (CFR) |
| JNIM (Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime) | Iyad Ag Ghaly, laut UNO | Mit al-Qaida verbunden, 2017 aus dem Zusammenschluss von fünf Gruppen entstanden. Rund 6.000 Kämpfer laut einer von der Washington Post wiedergegebenen Schätzung. Finanziert sich durch Entführungen, Schmuggel, Viehdiebstahl und die Kontrolle des handwerklichen Goldabbaus; hat sich in Richtung Elfenbeinküste, Benin, Togo und Nigeria ausgebreitet (Anadolu) |
| Islamischer Staat Provinz Sahel (ISSP) | — | Ableger des Islamischen Staates in der Region (CFR, a. a. O.). In Nigers Region Tillabéri ist er die Gruppe, die die meisten Zivilisten getötet hat (ADF). Bekämpft auch die JNIM |
| Befreiungsfront des Azawad (FLA) | — | Separatistische Tuareg-Bewegung im Norden Malis. Griff im April 2026 gemeinsam mit der JNIM an und hielt Kidal bis Oktober (ACAPS) |
| Africa Corps (vormals Wagner) | Russisches Verteidigungsministerium | Seit 2021 als Wagner in Mali, seit Juni 2025 als Africa Corps; rund 2.000 Mann nach US-Schätzungen (Arab News). Wird zusammen mit der malischen Armee beschuldigt, Zivilisten standrechtlich hingerichtet und getötet zu haben, etwa bei Timbuktu im Juni 2026 (unsere Analyse) |
| VDP (Freiwillige für die Verteidigung des Vaterlandes) | Der Regierung von Burkina Faso unterstellt | Miliz aus bewaffneten Zivilisten. Hat laut Human Rights Watch zusammen mit den Spezialkräften im März 2025 in Solenzo mindestens 100 Fulani-Zivilisten getötet (Africanews) |
Woher der Konflikt kommt
Wir verwenden die vier Ebenen unseres Beitrags „Sind die Kriege der Welt ‚muslimisch‘?“. Hier ist die Religion das Banner der dschihadistischen Gruppen, aber die Opfer sind ganz überwiegend Muslime, und der Krieg wird unter Muslimen ausgetragen.
Der Boden: schwache Staaten auf riesigen Territorien. Die von Frankreich gezogenen Grenzen haben Wüstenvölker und Savannenvölker, Hirten und Bauern zusammengefasst, regiert von Hauptstädten fern des Nordens. Die Tuareg haben sich seit der Unabhängigkeit in jeder Generation erhoben (MRG, a. a. O.); die Fulani, wandernde Hirten, wurden in Burkina Faso an den Rand gedrängt, als die Mossi den Staat zu beherrschen begannen (MRG). Die dschihadistischen Gruppen rekrutieren aus diesen Ungerechtigkeiten und aus den Konflikten zwischen Gemeinschaften um Land und Wasser.
Das entschuldigt niemanden. Keine Regierung, ob zivil oder militärisch, hat die Aufstände im Norden gelöst; die Juntas, die mit dem Versprechen von Sicherheit an die Macht kamen, haben sie nicht gebracht, wie ADF über Niger schreibt (ADF); die dschihadistischen Gruppen töten Zivilisten und pressen sie aus; und die Armeen bestrafen mit ihren russischen Verbündeten und den Milizen ganze Dörfer für die Schuld, zum „falschen“ Volk zu gehören.
Der Funke: Libyen, 2011. Der Zusammenbruch des libyschen Staates hat Waffen und Kämpfer im Sahel verbreitet; im Jahr darauf folgten der Tuareg-Aufstand, der Putsch in Bamako und die Übernahme des Nordens durch die Dschihadisten (CFR).
Das Banner: Souveränität gegen Terrorismus, Dschihad gegen den Staat. Die Juntas stellen ihren Krieg als Kampf gegen den Terrorismus dar und den Bruch mit Frankreich als Rückgewinnung der Souveränität. Die dschihadistischen Gruppen stellen ihn als Krieg gegen „abtrünnige“ Regierungen und deren ausländische Verbündete dar. Die Tuareg-Separatisten kämpfen für Azawad. Keines dieser Banner macht es rechtmäßig, einen Hirten zu töten, weil er Fulani oder Tuareg ist.
Der äußere Verstärker: Russland, das Gold, die Nachbarn. Frankreich und die UNO sind gegangen; Russland ist mit Wagner und dann mit dem Africa Corps gekommen. Algerien, das 2015 das Abkommen vermittelt hatte, wurde von Mali beschuldigt, die Rebellen zu beherbergen (Africanews), und brach 2025 mit Niger, bevor es sich wieder annäherte (The Sahel Brief). Gold und Uran geben den Juntas Ressourcen, um die sie mit den Konzernen ringen, und den bewaffneten Gruppen Ressourcen, um die sie mit dem Staat ringen.
Wem der Konflikt nützt
Wir dokumentieren erklärte oder überprüfbare Interessen, keine Motive. Wenn ein Akteur etwas bestreitet, sagen wir es.
Die Juntas. Der Krieg rechtfertigt das Aussetzen der Wahlen: In allen drei Ländern wurden die Übergangszeiten verlängert und die Parteien aufgelöst, mit Verweis auf die Sicherheit (siehe oben). Die Juntas haben auch ihre Beziehungen zu ausländischen Bergbaukonzernen neu geschrieben. Das malische Bergbaugesetz von 2023 erlaubt dem Staat, bis zu 30 % neuer Minen zu übernehmen (The East African); nach einem Kräftemessen mit beschlagnahmtem Gold und festgenommenen Angestellten unterzeichnete der kanadische Konzern Barrick im Februar 2025 eine Vereinbarung über die Zahlung von rund 438 Millionen Dollar (Daba Finance). In Niger übernahm die Junta die Uranmine Somair, die von französischem Kapital kontrolliert wurde (The East African, a. a. O.).
Russland. Mit Wagner und dann dem Africa Corps hat Moskau den Platz Frankreichs an der Seite der Juntas eingenommen. Nach Einschätzung der Beobachtungsstelle ACLED verschafft der Wechsel von Wagner zum Africa Corps dem Kreml mehr Kontrolle und geringere rechtliche und Reputationsrisiken, mit dem Ziel, die Regime zu stabilisieren, Infrastruktur zu schützen und Einfluss zu gewinnen (ACLED).
Die dschihadistischen Gruppen. Die JNIM kontrolliert Schmuggelrouten, Gebiete mit handwerklichen Goldminen und Vieh und setzt mit der Blockade rund um Bamako den Treibstoffmangel als Waffe ein (Anadolu). Im Norden und Osten Burkina Fasos, wo sie am häufigsten angreift, liegen die Goldfundorte und die Schmuggelrouten (Arab News).
Die Vereinigten Staaten und Italien. Sie haben erklärte Interessen daran, zu bleiben: für Washington das in Niamey festsitzende Uran und die Eindämmung Russlands; für Rom die Kontrolle der Migration, mit der Mission MISIN in Niger, genehmigt für bis zu 550 Soldaten (unsere Analyse). Die Zusammenarbeit ging weiter, auch nachdem eine Drohne der nigrischen Armee im Januar 2026 den Markt von Kokoloko traf und 17 Zivilisten tötete (ebd.).
Wer von außen eingreift
- Frankreich. Mit Serval und Barkhane setzte es ab 2013 bis zu rund 5.100 Soldaten ein; nach den Putschen zog es ab (CFR).
- UNO. Die Mission MINUSMA verließ Mali, nachdem die Junta im Juni 2023 ihren Abzug verlangt hatte (CFR, a. a. O.).
- Russland. Wagner ab Ende 2021 in Mali, dann ab Juni 2025 das Africa Corps (Arab News), auch in Burkina Faso (unsere Analyse) und in Niger präsent (ADF).
- Vereinigte Staaten. Nach dem Putsch in Niger setzten sie mehr als 500 Millionen Dollar Hilfe aus (CFR, a. a. O.) und verließen 2024 den Drohnenstützpunkt in Agadez; 2026 nahmen sie nicht-tödliche Lieferungen an die nigrische Armee wieder auf (unsere Analyse).
- Italien. Es ist mit der Mission MISIN und rund 350 Carabinieri in Niger geblieben (ebd.).
- Algerien. Vermittler des Abkommens von 2015, von Mali der Feindseligkeit beschuldigt (Africanews).
- ECOWAS. Die drei Länder haben sie im Januar 2025 verlassen (CFR, a. a. O.).
Die menschlichen Kosten. Laut CFR entfallen auf das Grenzgebiet Liptako-Gourma mehr als die Hälfte aller Terrortoten weltweit und rund 2,6 Millionen Vertriebene; in den ersten sieben Monaten des Jahres 2023 zählte ACLED mindestens 7.800 getötete Zivilisten in der Region (CFR). Burkina Faso ist im zweiten Jahr in Folge das am stärksten vom Terrorismus betroffene Land der Welt (unsere Analyse). In Niger entfielen 2025 allein auf die Region Tillabéri mehr als 1.200 der 1.939 im Land registrierten Toten (ADF). In dem Gebiet, das das UN-Flüchtlingshilfswerk „Sahel Plus“ nennt, gibt es rund 2,9 Millionen Binnenvertriebene, drei Viertel davon in Burkina Faso, und rund 1,1 Millionen Flüchtlinge; Mali beherbergt mehr als 251.000 Flüchtlinge, fast doppelt so viele wie 2024, die meisten aus Burkina Faso geflohen (UNHCR).
Dokumentierte Massaker. Wir erinnern an einige davon, die verschiedenen Seiten zugeschrieben werden:
- Moura, Mali, März 2022: Laut dem UN-Menschenrechtsbüro töteten die malische Armee und „ausländisches Militärpersonal“ in fünf Tagen mehr als 500 Menschen, fast alle standrechtlich hingerichtet, und vergewaltigten mindestens 58 Frauen und Mädchen; die malischen Behörden verweigerten den Ermittlern den Zugang (UNO).
- Solenzo, Burkina Faso, März 2025: mindestens 100 Fulani-Zivilisten, getötet von den Spezialkräften und den VDP, laut Human Rights Watch; die Regierung bestritt es. Nach dem Abzug der Soldaten soll die JNIM Bewohner getötet haben, denen sie Zusammenarbeit mit der Armee vorwarf (Africanews).
- Kokoloko und Tillabéri, Niger, Januar 2026: 17 Zivilisten, getötet von einer Armeedrohne auf einem Markt; im selben Monat richtete der Islamische Staat in derselben Region 30 Zivilisten hin (unsere Analyse).
- Mali, 2023–2026: Am 29. September 2026 warf Amnesty International malischen Soldaten und Wagner-Männern vor, zwischen Juni 2023 und Dezember 2025 bei sieben Vorfällen in den Regionen Mopti, Ségou und Timbuktu mindestens 34 Zivilisten getötet zu haben: Kriegsverbrechen, so Amnesty. Am 19. Oktober dokumentierte Human Rights Watch unterschiedslose Drohnenangriffe der malischen Streitkräfte und des Africa Corps (CFR).
Völkerrecht
Die Verträge. Die drei Länder:
- sind Vertragsparteien der Genfer Konventionen (Burkina Faso seit 1961, Niger seit 1964, Mali seit 1965) und der beiden Zusatzprotokolle (Niger seit 1979, Burkina Faso seit 1987, Mali seit 1989) (Liste der Vertragsstaaten, Wikipedia, nach Daten des Schweizer Depositars);
- Mali (seit 1974) und Burkina Faso (seit 1965) sind Vertragsparteien der Völkermordkonvention; Niger nicht (UN-Vertragssammlung);
- sind dem Römischen Statut beigetreten und haben im September 2025 ihren Austritt aus dem Internationalen Strafgerichtshof angekündigt (Jurist). Sie haben die Notifikation zwischen dem 18. und 24. Juni 2026 bei der UNO hinterlegt: Der Austritt wird am 23. Juni 2027 wirksam (Amnesty International).
Der Internationale Strafgerichtshof. Der Austritt hebt die Zuständigkeit des Gerichtshofs für Verbrechen nicht auf, die begangen wurden, solange die drei Länder Mitglieder waren, also bis Juni 2027. In Mali ermittelt der Gerichtshof seit 2013, und die Ermittlungen gehen weiter (Amnesty International, a. a. O.).
Der innerstaatliche Konflikt. Es gelten der gemeinsame Artikel 3 der Genfer Konventionen und das Zweite Zusatzprotokoll: Sie verbieten Angriffe auf Zivilisten, standrechtliche Hinrichtungen, Kollektivstrafen und die Verletzung der persönlichen Würde, auch die der Toten. Sie gelten gleichermaßen für die Armeen, für ihre russischen Verbündeten, für Milizen wie die VDP und für bewaffnete Gruppen wie die JNIM, den Islamischen Staat und die FLA (unsere Analyse). Mit einer Drohne einen belebten Markt anzugreifen, ohne zwischen Kämpfern und Zivilisten zu unterscheiden, verletzt den Grundsatz der Unterscheidung (unsere Analyse).
Die Söldner. Das Africa Corps untersteht dem russischen Verteidigungsministerium (Arab News): Seine Handlungen können, wenn sie von Kräften unter Moskaus Kontrolle begangen werden, die Verantwortung Russlands begründen, zusätzlich zu der der Einzelnen.
Die ausgebliebene Gerechtigkeit. Für Moura wurde niemand vor Gericht gestellt: Mehr als ein Jahr später bestritten die malischen Behörden noch jede Verantwortung und verwiesen auf eine interne Untersuchung (UNO). Zu Solenzo hat die Regierung Burkina Fasos dementiert (Africanews). Zu Kokoloko hat die Junta in Niger Human Rights Watch nicht geantwortet (unsere Analyse).
Zeitleiste
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 15.–16. Jh. | Songhai-Reich am mittleren Niger |
| 1895 | Gründung von Französisch-Westafrika |
| 1909 | Gründung der Kolonie Obervolta (1932 aufgeteilt, 1947 wiederhergestellt) |
| 1960 | Unabhängigkeit von Mali, Obervolta und Niger |
| 1983–1987 | Thomas Sankara an der Macht in Burkina; 1984 erhält das Land seinen neuen Namen; 1987 wird er ermordet |
| 1990 | Tuareg-Aufstand in Niger |
| 2003 | Niger stellt Sklaverei unter Strafe |
| 2007–2009 | Neuer Tuareg-Aufstand in Niger |
| 2011 | Zusammenbruch des libyschen Staates |
| 2012 | Tuareg-Aufstand und Putsch in Mali; die Dschihadisten nehmen den Norden ein |
| 2013 | Französische Intervention (Serval); UN-Mission MINUSMA; der IStGH leitet Ermittlungen zu Mali ein |
| 2014 | Sturz Compaorés in Burkina (Oktober) |
| 2015 | Abkommen von Algier |
| 2017 | Gründung der JNIM |
| 2019 | Massaker von Ogossagou (März) |
| 2020–2021 | Zwei Putsche in Mali; Wagner kommt (Ende 2021) |
| 2022 | Massaker von Moura (März); zwei Putsche in Burkina (Januar und September) |
| 2023 | Mali verlangt den Abzug der MINUSMA (Juni); Putsch in Niger (26. Juli); Gründung der AES (16. September); die malische Armee erobert Kidal zurück (November) |
| 2024 | Mali beendet das Abkommen von Algier (25. Januar); Burkina verlängert die Übergangszeit um fünf Jahre (Mai) |
| 2025 | Austritt aus der ECOWAS (Januar); Tiani für fünf Jahre Präsident (26. März); Massaker von Solenzo (März); Mali löst die Parteien auf (Mai); Wagner verlässt Mali, das Africa Corps bleibt (Juni); verlängerbares Mandat für Goïta (Juli); Blockade von Bamako (ab September); Ankündigung des Austritts aus dem IStGH (September) |
| 2026 | Drohnenangriff in Kokoloko und Angriff auf den Flughafen von Niamey (Januar); Burkina löst die Parteien auf (Februar); Offensive von JNIM und FLA und Tod von Minister Camara, die FLA nimmt Kidal ein (25.–26. April); Notifikation des Austritts aus dem IStGH (Juni); die Armee rückt wieder in Kidal ein (6. Oktober) |
Änderungsprotokoll
- 22. Oktober 2026: erste Fassung.
Quellen: CFR · Worldometer · MRG · EBSCO · MRG · MRG · The East African · Anadolu · Britannica · Britannica · Africanews · Arab News · ACAPS · The Sahel Brief · Arab News · ADF · V-Dem · Al Jazeera · Al Jazeera · IDEA · Africanews · Daba Finance · ACLED · UNHCR · UNO · Wikipedia, nach Daten des Schweizer Depositars · UN-Vertragssammlung · Jurist · Amnesty International
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