ANALYSE

Ein Abkommen, das funktionierte — trotzdem zerrissen

27. Juli 2026 — Iran / USA

Der Kontext

Manchmal entsteht ein Konflikt nicht aus fehlender Diplomatie, sondern aus ihrem einseitigen Abbruch — selbst wenn sie funktionierte. Der Weg, der die USA und Israel dazu brachte, den Iran innerhalb eines Jahres zweimal direkt zu bombardieren und dabei den Obersten Führer zu töten, beginnt mit einem Abkommen, das die internationale Kontrollbehörde als eingehalten zertifizierte.

Das Abkommen (2015-2018)

Im Juli 2015 unterzeichnen Iran, die USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich und Deutschland den Gemeinsamen umfassenden Aktionsplan (JCPOA): strenge Grenzen für die iranische Urananreicherung im Austausch gegen die Aufhebung von Sanktionen, unter einem Inspektionsregime der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), das Washington selbst als „beispiellos“ bezeichnete. 2017 bescheinigen alle vier Quartalsberichte der IAEO volle iranische Vertragstreue. Am 8. Mai 2018 zieht Präsident Trump die USA einseitig aus dem Abkommen zurück und nennt es öffentlich einen „schrecklichen, einseitigen Deal“. Ein oft weggelassenes, aber überprüfbares Detail: Das Abzugsmemorandum des Weißen Hauses nannte keinen einzigen iranischen Verstoß, der während der Trump-Regierung stattgefunden hatte — nur mutmaßliche Verstöße von 2016, unter Obama, bei den Grenzen für Schwerwasser-Bestände. Die US-Sanktionen werden wieder eingeführt.

Die vorhersehbare Folge (2018-2024)

Der Vorteile des Abkommens beraubt, aber nicht mehr an seine Grenzen gebunden, baut der Iran seine Verpflichtungen schrittweise ab: mehr Anreicherung, eingeschränkter Zugang für Inspektoren. Die „Breakout“-Zeit — wie lange es dauern würde, genug Material für einen Sprengsatz anzureichern — sinkt laut Schätzungen des Center for Arms Control and Non-Proliferation von über einem Jahr auf 3-4 Monate. 2020 tötet eine US-Drohne General Qassem Soleimani in Bagdad. Nach dem 7. Oktober 2023 und dem Gaza-Krieg tauschen Iran und Israel 2024 zweimal direkte Schläge aus.

Der 12-Tage-Krieg (Juni 2025)

Am 13. Juni 2025 startet Israel überraschende Angriffe auf iranische Nuklear- und Militäranlagen und tötet hochrangige Kommandeure der Revolutionsgarden. Am 22. Juni greifen die USA Fordow, Natanz und Isfahan direkt mit Bunker-Buster-Bomben an — Trump nennt es eine „begrenzte, einmalige“ Mission. Waffenruhe am 24. Juni. Die Schätzungen zum tatsächlichen Schaden gehen je nach Quelle stark auseinander: Die USA sprechen von „Zerstörung“; ein durchgesickerter Bericht des US-Militärgeheimdienstes und der israelische Geheimdienst beschreiben ernsthafte, aber nicht endgültige Schäden, das Programm sei um Monate, nicht Jahre verzögert.

Das gescheiterte Verhandeln und der zweite Krieg (2026)

Im Februar 2026 scheitern von Oman vermittelte indirekte Gespräche über ein neues Abkommen — Irans Außenminister signalisiert Kompromissbereitschaft, doch Trump zeigt sich über das Ergebnis „nicht begeistert“. Am 28. Februar 2026 starten die USA und Israel eine neue groß angelegte Offensive — fast 900 Angriffe in 12 Stunden — diesmal mit dem ausdrücklich erklärten Ziel eines Regimewechsels. Der Oberste Führer Ali Khamenei stirbt beim ersten Schlag; sein Sohn folgt ihm nach. Ein bedingter, von Pakistan vermittelter Waffenstillstand tritt am 8. April 2026 in Kraft.

Der Symmetrietest

Hier wird der andernorts in dieser Serie angewandte Maßstab schwieriger anzuwenden, nicht leichter. Wenn der Maßstab zur Beurteilung der russischen Invasion der Ukraine lautet „kein laufender bewaffneter Angriff abzuwehren = keine legitime Selbstverteidigung nach Artikel 51“, führt derselbe Maßstab, angewandt auf die US-israelischen Angriffe von 2025 und 2026 — gegen ein noch nicht zur Waffe gemachtes Nuklearprogramm, ohne laufenden iranischen bewaffneten Angriff — zur gleichen rechtlichen Schlussfolgerung. Die Doktrin der „vorbeugenden Selbstverteidigung“ gegen eine künftige Bedrohung ist völkerrechtlich nicht unumstritten anerkannt. Die Tötung eines Staatsoberhaupts und die ausdrückliche Erklärung eines Regimewechsel-Ziels sind, als Prinzip betrachtet, kaum von Verhaltensweisen zu unterscheiden, die der Westen ohne Zögern verurteilt, wenn sie anderen Akteuren zugeschrieben werden.

Redaktionelles Urteil

Was diesen Fall mit dem vorherigen dieser Serie verbindet, ist keine Symmetrie der Schuld — Fakten und Verstöße bleiben unterschiedlich —, sondern der Mechanismus: ein funktionierendes Abkommen, einseitig von einer seiner eigenen Vertragsparteien gebrochen; eine sich selbst nährende Eskalation, weil jede Seite im Zug der anderen eine existenzielle Bedrohung sieht; und ein diplomatisches Fenster (die Oman-Gespräche vom Februar 2026), das man kurz vor dem Übergang zur Waffengewalt verstreichen ließ.

Fonti: Britannica — „12-Day War“ (Juni 2025) · Britannica — „2026 Iran war“ · House of Commons Library — „Israel/US-Iran conflict 2026“ · CFR, Global Conflict Tracker — „Iran’s War With Israel and the United States“ · Congressional Research Service — „U.S. Conflict with Iran“ (26. März 2026) · Center for Arms Control and Non-Proliferation — „The Iran Deal, Then and Now“

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